Logo
AdresseVideosKontaktGaestebuchDiashowsPressestimmenTourneedatenUeberblickProgramm
 
INTERVIEW

Puppen Menschen & Objekte 2005/2, Nr. 93
Den Kindern beim Spielen nah sein
Matthias Kuchta vom „Lille Kartofler Figurentheater“ im Gespräch mit Magdalene Seyerle, Puppenspielstudentin an der Ernst Busch-Hochschule, Berlin

Wo würdest Du aus heutiger Sicht hingehen, um Puppenspiel zu erlernen?
M. K.: Das ist schwer zu sagen, ich kann mich da auf keine Schule oder ein Land beziehen. Wahrscheinlich würde ich gerne bei unterschiedlichsten Künstlern daneben sitzen, um von ihnen zu lernen, zu sehen und auszuprobieren. Einfach viele Praktika machen bei Leuten, die mich faszinieren. Dazwischen Ruhephasen, um mich auszuprobieren und meines zu finden. Eines der wichtigsten Dinge beim Lernen ist die Neugier, sie ist, glaube ich, eine Grundvoraussetzung. Die Sinnlichkeit von Gegenständen und Objekten zu erkennen und zu nützen, ist dabei ein wichtiger Weg. Diese Sinnlichkeit, dieses Prickeln auf der Haut, wenn man diese Wachheit hat für eine Sekunde, das ist für mich das Wichtigste, der Ausgangspunkt, um etwas zu lernen und es dann umzusetzen.

Dein Weg nach Bochum und zum Puppenspiel ...
M. K.: Eine plötzliche Entdeckung von Puppentheater an einer Hamburger Bühne in den 70-er Jahren. Sah dort ein Marionettenstück, das im Grunde ganz einfach gestrickt war. Aber es war Liebe auf den ersten Blick! Ich entschied mich, das Referendariat sein zu lassen und ging nach Bochum ans Institut für Puppenspiel. Als Abschlussstück spielte ich zusammen mit Renate Schweizer „Die Bremer Stadtmusikanten“. Die Inszenierung war relativ erfolgreich, wir spielten für das Kulturdezernat in Gütersloh und wurden u.a. zum Figurentheaterfestival nach Hongkong eingeladen. Wir trennten uns dann und jeder machte sein eigenes Theater. Ich gründete das Lille Kartofler Figurentheater. Meine Idee war, etwas ganz was einfaches zu finden: Kartoffeln (simples natürliches Material, aus dem man ganz viel machen kann: Schnaps, Stempel, Kartoffelbrei usw.). Lille heißt klein und stammt aus dem Dänischen. Der Name steht dafür, mit einfachen Mitteln Theater zu machen, das überall spielbar ist.

Wie kamst Du zu der Großpuppenform, und hast Du Dein erstes Stück schon mit dieser Puppenform gespielt?
M. K.: Wir spielten schon die Bremer mit dieser Figurenform. Die Grundidee entstand, als ich in den 70-er Jahren eine kanadische Theatertruppe sah, die mit kniehohen Figuren auf dem Boden spielte. Ihr Stück „The Miller“ begeisterte mich. Die Spieler bewegten sich auf der Bühne wie Schachspieler in ihren Feldern. Auch Peter Kirschs Arbeit mit Ganzkörpermasken faszinierte mich sehr. Ich suchte also eine Form dazwischen mit einer Größe der Figuren, die es erlaubt, überall zu spielen und die kein Bühnenbild / Hintergrund benötigt. Um so den Kindern beim Spielen nah sein zu können.

Das Äußere der Figuren, was siehst Du in ihnen? (Du hast ja auch den Ruf der hässlichen Puppen – das kann ich nicht teilen!)
M. K.: Welches interessante Gesicht ist schon schön? Ich mag Gesichter mit Lebensspuren, sowohl von Kindern als auch von Erwachsenen. Sie zeigen den Charakter der Menschen. Es ist das Natürlichste, dass jeder seine Spu- ren hat und diese zeigt. Eben auch Makel und Unebenheiten. Diese Besonderheiten der Gesichter, diese Charaktere auch bei Puppen zu zeigen, das möchte ich mit meinen Figuren. Ich orientiere mich oft an dem Fotografie-Buch „Fellinis Faces“, die Dargestellten sind meist Laien, aber auch Schauspieler, die Fellini für seine Filme gecastet hat. Auch von Karikaturen (Wilhelm Busch, Dormier u.a.) und Comicsammlungen lasse ich mich inspirieren. Aber auch Prominente und Zeitungsgestalten fließen in meine Arbeit ein. Wohl aber auch meine Nachbarn und die Familie sehen sich so manches Mal in einer Figur wieder. Häufig sagen Zuschauer auch, dass meine Figuren alle was von mir haben.

Dein Hauptrepertoire sind Märcheninszenierungen für Kinder. Warum?
M. K.: Die meisten meiner Stücke sind von Andersen und Grimm. Märchen sind wahnsinnig spannend, sie spiegeln alle zwischenmenschlichen Konflikte wieder – von geboren und groß werden, allein sein, hoffen, glauben, sterben, auch Generationskonflikte. Alle diese Regungen sind in den Märchen gespiegelt. Auch die alttestamentarischen Texte sind für mich mit einem Märchencharakter belegt. Märchen sind für mich keine Einschränkung, sondern sie sind ein riesengroßes Feld von interessanten Themen. Nicht nur Kinder brauchen Märchen (Bettelheim), Kinder und Erwachsene brauchen sie. Wenn jeder sein Leben einmal überdenkt, so findet er sicher vieles in den Märchen wieder. Ich versuche in meinen Stücken, die Sprache der Kinder zu sprechen, verwoben mit der Sprache der Erwachsenen. Ich meine nicht gesprochene Sprache, sondern die Metasprache der Stücke. Ich möchte Theater machen für alle Altersgruppen, für alle Individuen. So dass jeder seine Lesemöglichkeiten, Erlebmöglichkeiten hat!

Steht für Dich am Anfang eines Stückes eine Idee, ein Thema – oder eine Geschichte?
M. K.: Der Konflikt, um den es geht, ist das Erste, was ich am Anfang habe. Manchmal ist dieser schon in einem Märchen- oder einem anderen Rahmen gefestigt. Diese Grundidee, diese Unruhe oder dieser Problembereich begleiten mich meist jahrelang, bis ich endlich mit der Umsetzung beginne. Beim Bau der Figuren (häufig gemeinsam mit Mechtild Nienaber), in diesem Prozess, werden die Figuren / Rollen lebendig und beflügeln die Fantasie. Es entsteht eine Beziehung zwischen mir als Spieler und Figurenbauer und der Figur. Diesem Prozess schließt sich meist eine Improvisations- und Gesprächsphase an. Das Stück verdichtet sich so immer mehr bis hin zum ersten Ausprobieren vor Publikum. Bis ich das Stück der Öffentlichkeit zeige, ist es ein langer, harter und doch immer wieder wunderbarer Weg, der begleitet ist von Zweifeln – auch zu scheitern, aber auch davon, immer weiter machen zu müssen.

Gibt es einen Grund, dass Du immer alleine spielst?
M. K.: Die Solospielweise hat sich für mich als sehr produktiv und verlässlich erwiesen. Allein zu arbeiten hat den Vorteil, dass man keine Rücksicht auf andere Spieler nehmen muss. Von Minute zu Minute in eine andere Rolle zu springen, ein Gesamtkunstwerk um sich und mit sich zu schaffen, mag ich. Wo ich vom Sturm bis zur Giraffe alles selbst darstellen kann. Es fasziniert mich, die verschiedenen Charaktere zu spielen, in ihr facettenreiches Wesen einzutauchen. Das ist der eine Aspekt. Der andere ist natürlich der praktische, da es viel einfacher ist, als Einzelspieler zu arbeiten. Mir ist natürlich bewusst, dass man dadurch auch sehr begrenzt ist auf seine eigenen Mittel sowie auch theatralisch. Hinzu kommt, dass ich unheimlich gerne improvisiere und so auf das Publikum eingehen kann. Dies ist als Solospieler natürlich viel einfacher und freier, da man nichts absprechen und planen muss. Aber ich spiele ja nicht nur allein. Einige Stücke spielen Hiltrud Vorberg-Beck und ich gemeinsam. Und vor kurzem habe ich bei der Produktion „Jazz für Monzter“ mit einer Sängerin und einer Bigband mitgemacht. Einer meiner Wünsche für die Zukunft wäre, mal mit einem großen Spielerensemble zu arbeiten.

Schön! Nun hast Du schon angefangen, von Deinen Plänen zu reden. Kannst Du etwas mehr verraten?
M. K.: Ich habe dieses Jahr eine DVD-Produktion gemeinsam mit einem Journalisten begonnen, der lange für die ARD gearbeitet hat. Neben meinen Stücken „Der Froschkönig“ und „Der Wolf und sieben Geisslein“ wird sie einen Teil über die Werkstattarbeit des Puppengestaltens und einen theoretischen Teil über die Gebrüder Grimm umfassen. Die Produktion wird auf Englisch, Französisch, Deutsch und Japanisch erscheinen.* Ich finde es sehr spannend, meine Puppenspielarbeit in dieses andere Medium zu übertragen. Besonders und neu für mich ist daran, für ein Publikum zu spielen, das ich nicht sehe und das mich wiederum nur durch Bild und Ton erlebt. Ich muss also mit einer anderen Bildersprache arbeiten, um die Zuschauer zu erreichen. Eine weitere Arbeit der letzten Jahre waren die Hörbücher meiner Stücke. Es macht mir sehr viel Freude, meine Stücke zu erzählen. Unbedingt möchte ich an meiner Erwachseneninszenierung „Beatric Luschenschi“ weiterarbeiten. Dieses Stück ist für mich ein dauerhafter Prozess. Und ich fange gerade an „Der Fischer und seine Frau“ vorzubereiten. Das möchte ich gern auf Platt mucken, somit zweisprachig (mit Untertiteln!); aber auch in Hochdeutsch mit plattdeutschen Zitaten. Und dann möchte ich gerne ein Stück aus dem alten Testament machen. Rockmusik in einem Kinderstück ist noch einer meiner Pläne. Hinzu kommt die Arbeit mit kleinen Objekten und Formen, mit vorgefundenen Objekten sowie die Zusammenarbeit z.B. mit Musikern. Die Produktion „Jazz für Monzter“ soll nächstes Jahr wieder aufgenommen werden und auf Tournee gehen. Es wird mit einer kleineren musikalischen Besetzung gearbeitet werden, und so entsteht aus dem alten Projekt ein neues. Und und und – ja, ich hoffe, dass ich viele dieser Träume einmal ausprobieren kann. In nächster Zeit bin aber ich erst einmal viel auf Tournee. Jetzt im Herbst spiele ich in New York, im nächsten Jahr dann in Philadelphia, Kanada, San Francisco. Mich fasziniert, in einem anderen Kulturkreis ein Publikum für meine Arbeit zu haben.

Wie kam es dazu, dass Du so viel im Ausland spielst?
M. K.: Begonnen hat es 1983 mit den „Bremer Stadtmusikanten“ mit Renate Schweizer, dies lief über die Schule in Bochum. Bei diesem Projekt lernte uns das Goethe- Institut kennen und hat uns über das Theaterreferat mehrfach eingeladen, im Ausland zu spielen. Später spielte ich dann auch über das Goethe-Institut in Schulen, die Deutsch als Fremdsprache lehren. 1985 lernte ich dann Carol de Montrichard in Frankreich kennen, wo ich auf der internationalen Buchmesse spielte. Seit zwanzig Jahren arbeiten Carol und ich zusammen. Sie ist Verantwortlich für die Tourneen. Sie kennt den europäischen und nordamerikanischen Markt für Puppentheater sehr gut; so ergaben sich viele Kontakte.

Wie ist es für Dich in Ländern zu spielen, wo Du nicht Deine Muttersprache einsetzten kannst?
M.K.: Auf den Tourneen spiele ich in Englisch sowie Französisch. Unlängst habe ich in Florenz ein erstes Mal auch auf Italienisch gespielt. Das Publikum reagiert in der Regel nicht negativ, findet es eher passend und interessant, wenn ein Spieler nicht in der Sprache zuhause ist. Und viele Veranstalter sagen, dass genau das gut zu den Figuren passt. Es verfremdet zusätzlich, das geschieht natürlich unfreiwillig, ist sozusagen ein neues dramatisches Element. Ich sehe es jedes Mal als Herausforderung und bin wahnsinnig aufgeregt. Ich muss situativ ganz viel spontan entscheiden und das unter erhöhtem Adrenalinausstoß. Es ist aber eine große Bereicherung für mich, so arbeiten zu können.

Gab es auf Deinen Tourneen Begebenheiten, die Dich besonders berührt haben?
M. K.: Einmal haben wir auf Einladung des Goethe-Instituts auf den Philippinen gespielt in einem Bereich von Manila, der Smoky Mountain heißt, das ist die Abfallhalde von Manila. Dort leben 30 000 Menschen. Wir spielten in einem katholischen Bildungszentrum, wo Kinder handwerkliche Tätigkeiten erlernten, zu einem Fest für die Ärmsten der Armen „Die Bremer Stadtmusikanten“, eine Hoffnungsgeschichte. Um uns herum saßen und standen Hunderte von Menschen. Diese Kinder waren geprägt von ihrem Umfeld, sie hatten viele Narben am Körper von der Suche nach Essen im Abfall. Es war wundervoll, die Freude und das Lachen zu sehen, wenn unser Spiel ihre ernsten Gesichter für einen Augenblick verwandelte. Dieses Glück in den Gesichtern zu sehen, hat mich sehr bewegt. Das sind sehr bereichernde Augenblicke. Das ist das Geschenk des Publikums an mich.

Wenn Du Dein Leben als freischaffender Puppenspieler beschreibt: ist Dein Leben Dein Beruf geworden – oder andersherum?
M. K.: Ich arbeite unheimlich gerne. Ich drücke mich gerne aus in meiner Tätigkeit, ich erlebe sie als spannend und bereichernd. Ich kann mein alltägliches Leben nicht von meinem Berufsleben trennen.

Magdalene: Ich danke Dir für das Interview.  

copyright © by lille kartofler figurentheater 04 | 2005